Zinskommentar Mai 2019

Entwicklung der Wirtschaft

Deutschland: 

Die realwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland hat 2018 stark abgebremst. Im Spätsommer war die Produktion rückläufig, gegen Ende des Jahres herrschte Stagnation. Niedergeschlagen hat sich all dies auch im Auftragsbestand der Unternehmen, hat sich dieser doch verringert. Reichte er für die gesamte deutsche Industrie noch Anfang 2018, um die Produktion für 3 ½ Monate aufrechtzuerhalten, so lag die Vergleichszahl ein Jahr später bei 3,2 Monaten, aktuell, leicht erhöht bei 3,3 Monaten. Anders in den konjunktursensitiven Industriebranchen, so denen für Vorleistungsgüter. Hier hat sich die Reichweite der Aufträge seit einem zyklischen Hoch 2017 glatt halbiert. Nunmehr scheint hier das Schlimmste vorüber. Zuletzt haben sich die Zahlen für die deutsche Industrie etwas aufgehellt. Das dürfte maßgeblich der Bauwirtschaft zu verdanken sein. Allerdings lässt die Mehrzahl der Frühindikatoren erwarten, dass sich die „gespaltene Konjunktur“ noch eine Weile fortsetzen dürfte. Während die exportlastige Industrie eine Schwächephase durchlebt, läuft es am Bau und für den privaten Konsum gut. Ein sehr hoher Beschäftigungsstand und niedrige Zinsen sorgen für kräftigen Rückenwind.

Eurozone:

Die langfristigen EUR-Zinsen (Bund) befinden sich seit dem Frühjahr 2018 in einem abwärts gerichteten Trend und bewegen sich wegen beträchtlicher Rezessionssorgen sowie der hohen Brexit-Unsicherheit um die Nullmarke. Die politische Unsicherheit, die weltwirtschaftlichen Risiken und eine Tendenz zur „Japanisierung“ des Euroraums erschweren tendenziell den EZB-Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik. Eine Verschiebung der Leitzinswende im Euroraum weit ins Jahr 2020 hinein ist wahrscheinlich. Eine erste Zinsanhebung erwarten wir nicht vor dem Herbst 2020. Die Langfristzinsen (10Y Bund) dürften angesichts eines erwarteten Nachlassens politischer Unsicherheit zwar dennoch nach oben korrigieren, sollten aber im Jahr 2019 nicht nachhaltig über das Jahresstartniveau (0,25 %) anziehen. Ein Ende der übergeordneten Niedrigzinsphase ist auch längerfristig nicht in Sicht.

China:

Während sich der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor nach wie vor auf recht hohem Niveau behauptet, schaffte der PMI Manufacturing den Sprung zurück über die 50er-Marke – knapp aber immerhin. Die Subkomponente „New Export Orders“ konnte hier zwar nicht ganz folgen, zeigte sich vor dem Hintergrund der steigenden Chancen auf eine gütliche Einigung im Handelsstreit mit den USA zuletzt aber erholt. Unterm Strich haben sich die Frühindikatoren für die chinesische Wirtschaft verbessert.

USA:

Seit Herbst 2018 ist die Rendite 10-jähriger Treasuries wegen wachsender Sorgen um die Weltkonjunktur um rund einen dreiviertel Prozentpunkt gesunken. Die Fed-Projektionen suggerieren unveränderte Leitzinsen bis Ende 2019, legen jedoch noch keine Zinswende nach unten nahe. Wir erwarten, dass das Leitzinsplateau erreicht wurde, erachten Spekulationen auf eine Zinssenkung jedoch wegen eines robusten Konjunkturumfelds für verfrüht. Der zurückliegende Renditeverfall erscheint somit übertrieben, was eine Korrekturbewegung in den Bereich des Jahresstartwerts nahelegt. Mittelfristig befinden wir uns mit Blick auf eine sich für das Jahr 2020 abzeichnende Konjunkturabschwächung jedoch in einer Topbildung.

  

Swap-Chart April 2019

 

Aktuelles aus dem Finanzsektor 

Ereignisse:  

Im EZB-Rat ist die Debatte über die Einführung einer gestaffelten Einlagefazilität offiziell eröffnet. Ratsmitglied Coeuré sieht hierfür zwar derzeit keine geldpolitischen Argumente. Welche Szenarien ergeben sich, falls die Währungshüter diesen Weg dennoch gehen? Die 10-jährige Bundrendite ist in eine Konsolidierung übergegangen. Ein Test des im Herbst gestarteten steilen Renditeabwärtstrend könnte bald anstehen. Der jüngste Rückprall der Kerninflation, das Saisonmuster und die Angebotskonstellation sprechen im Frühjahr für einen Renditeanstieg. Die US-Notenbank hat ihre abwartende geldpolitische Haltung bekräftigt. Fed-Chef Powell sieht keine starken Argumente für eine Zinsänderung – also auch nicht für eine Senkung. Könnte das Beispiel der Jahre 1995/96 gleichwohl den Weg zu baldigen Zinssenkungen weisen? Die langfristigen USD-Zinsen haben sich angesichts positiver Konjunkturdaten aus China etwas von ihrem Jahrestief erholt. Der Fokus der Marktteilnehmer auf die konjunkturellen Risiken und eine unerwartet schwache Inflation verhindern derzeit dennoch eine nennenswerte Gegenbewegung. EZB-Ratsmitglied Coeuré hat jüngst Spekulationen auf die Einführung einer gestaffelten Einlagefazilität gedämpft. Hierfür sieht er derzeit keine geldpolitischen Argumente; die Bedeutung für den Bankensektor spielt er herunter. Die Tatsache, dass EZB-Chef Draghi die Option im Rahmen der Pressekonferenz zur Zinssitzung vom 10. April diskutiert hat, legt gleichwohl nahe, dass die Überlegungen bereits konkretere Formen angenommen haben. Eine gestaffelte Einlagefazilität ist u.E. nicht zwingend der Türöffner für noch tiefere Negativzinsen. Sie würde gleichwohl die operationale Hürde für weitere Zinssenkungen reduzieren.

 

 

 


Quellen: fdi / dpa / Reuters / Refinitiv LBBW Research / Chart: Handelsblatt
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